Kulturpessimismus? Nein, danke!

Foto: Jannik Reinecke/ Die Knipser

Die organisierten Osthofener Kulturfreunde und Heimatpfleger treffen sich zur jährlichen Mitgliederversammlung und reflektieren die Ereignisse aus dem zurückliegenden Jubiläumsjahr. Auch die Zukunft des örtlichen Heimatmuseums wird angeregt diskutiert.

In 2018 jährte sich die Gründung des Kulturnetzwerks, der eine romantische Geschichte innewohnt, zum zehnten Mal. Dem „Leckzapfen“, einer neugotischen Burg, die zur 19. Jahrhundertwende erbaut wurde, drohte der Verfall. Einige Osthofener machten sich auf, den historischen Prunkbau zu retten. Zahlreiche Gönner erwarben Türen, Fenster, gar einzelne Treppenstufen, um den Erhalt möglich zu machen. Heute, elf Jahre später, ist er längst zum Prestigeobjekt der Stadt geworden. Inzwischen wurde der „Leckzapfen“ mit Preisen bedacht und fungiert neuerdings selbst als Auszeichnung in Form des Ehrenkristalls der Stadt Osthofen.

Zum letztjährigen Jubiläum wurde zudem das Jahr der Louise Kurtz ausgerufen. Die Osthofenerin begeistert mit impressionistischen Gemälden der rheinhessischen Landschaft. Um ein Andenken zu schaffen, wurde der Aufruf gestartet, die in alle Himmelsrichtungen zerstreuten Werke zusammenzutragen. So kamen rund 50 Bilder zusammen, die feierlich ausgestellt wurden. Aktuell sind die Nachlassverwalter daran, die Tagebücher der Künstlerin aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. „Wir werden noch mehr dazu hören!“, freuen sich die Mitglieder.

Einen Meilenstein in der Aufarbeitung der Osthofener Geschichte bildete der Ausflug in das einzigartige Archiv der Stadt. Während in umliegenden Gemeinden die Aufbewahrungen häufig sehr nachlässig verwaltet, teilweise gedankenverloren vernichtet oder zur nachträglichen Geschichtsfälschung gar mutwillig entfernt wurden, entfaltet sich in den Räumen der Gedenkstätte KZ Osthofen ein wahrer Historienschatz. „Er wartet darauf, entdeckt zu werden!“, ruft der Stadtbürgermeister und erste Vorsitzende des Kulturnetzwerks, Thomas Goller, zur Bergung auf. Auf 80 laufenden Metern lassen sich Schande wie Ruhm, Höhen und Tiefen der Osthofener Geschichte nachvollziehen. Jüngst tauchte sogar ein neues ältestes Dokument auf. Bei genauerer Betrachtung entpuppte sich der Einband eines altertümlichen Finanzbuchs der Stadt als noch deutlich älteres Stück, das wohl schon im Jahr 1663 durch eine Handarbeit des Mönches Augustinus entstand.

Im Rahmen der Abrissarbeiten der ehemaligen Mälzerei Schill, konnte ein Schlussstein geborgen werden, der das Wappen des Bistums Worms trägt. Nun liegt die Vermutung nahe, dieser Zierstein reihte sich einst neben viele weitere seiner Art zu einer Wasserburg, die von Historikern in der Nähe des Geländes verortet wird. Den Aufzeichnungen nach wurde sie im Dreißigjährigen Krieg zerstört, bevor etwa 1830 die noch verbleibenden, rudimentären Mauern gesprengt wurden. „Mehr ist nicht mehr übrig?“, fragt ein Mitglied neugierig. Der verantwortliche Architekt Jörg Deibert, der selbst Mitglied im Kulturnetzwerk ist, muss zu seinem eigenen Erstaunen verneinen. „Keine Münzen, keine Scherben – nichts.“, wundert er sich. „Vielleicht wurde hier schon vor vielen Jahren alles abgegrast.“ Einzig die riesigen Kelleranlagen von acht Metern Tiefe und einer Länge von 34 Metern, lassen vorsichtige Rückschlüsse zu. Womöglich bildeten sie einmal die Kelteranlagen dieser imposanten katholischen Burg samt Wassergraben. Doch zweifelsfrei belegt ist noch nichts. Vielleicht kann die Zeit hier Klarheit schaffen.

Als das Heimatmuseum zur Sprache kommt, sind die Mitglieder geteilter Meinung. Seit einiger Zeit bereits laufen Überlegungen, die dauerhafte Ausstellung zu allerhand altertümlichen Berufen, wie sie in Osthofen über Jahrhunderte hinweg ausgeübt wurden, in die Verantwortlichkeit des Kulturnetzwerks zu überführen. Doch darüber herrscht Uneinigkeit. Die Versicherung fällt schwer und könnte teuer werden. Einigen Anwesenden fehlt zudem das Alleinstellungsmerkmal der Einrichtung. Schließlich gäbe es viele dieser Museen in ganz Rheinhessen und auch darüber hinaus. Es wird der dringende Wunsch geäußert, das Konzept zeitgemäß zu überarbeiten. Zudem entstehe mit der Zeit ein Personalproblem. Schließlich sind es nicht nur die historischen Berufe, die uns allmählich verlassen, sondern auch die zahlreichen Gesellen und Meister des altertümlichen Handwerks, die Letzten ihrer Zunft. Dass das Heimatmuseum noch immer zu begeistern vermag und auch heute noch neue Erkenntnisse zulässt, beweist ein Besuch aus dem letzten Jahr. Wir berichteten. Es bleibt zu hoffen, dass die stolze Handwerkernation im eiligen Fortschritt ihre Wurzeln und Pioniere nicht vergisst. Ein Verlust wäre nicht zu ersetzen. Die Entscheidung wird vertagt.

Am Ende steht der Ausblick ins neue Jahr. Die Osthofener Weinmeile wird sich freuen. Sie darf erneut mit einer Förderung rechnen. Eine exklusive Lesung an besagtem „Leckzapfen“ steht an und auch die Vergangenheit wird wieder eine Rolle spielen. Eine Veranstaltung zur Geschichte der Post, die lange vor der Existenz der ersten Briefmarke vom Kantonsboten überbracht wurde, ist geplant. Außerdem widmet man sich einem Wegbereiter der Eisenbahn in Deutschland. Der Osthofener Friedrich August von Pauli trug mit der Erfindung seines „Fischbauchträgers“ maßgeblich zur deutschen Schienengeschichte bei und wirkte an der ersten deutschen Eisenbahnstrecke von Fürth nach Nürnberg mit. Der umgreifende Kulturpessimismus – in Osthofen findet er kein Zuhause mehr.

Text: Dennis Maus/ Presseagentur Die Knipser