Expertenmeinungen aus erster Hand bei der Dialogveranstaltung

Foto: Mirco Metzler /Die Knipser

Wenn die Christdemokraten in Worms zu einer Dialogveranstaltung laden, die einen Gesetzesentwurf der Ampel-Koalition in Mainz zum Thema hat und hierfür eigens das Dreigespann aus dem designierten Oberbürgermeister der Stadt Worms, Adolf Kessel, seiner Nachfolgerin im Amt als Vorsitzende des Kreisverbandes Alzey-Worms, Stephanie Lohr und die familienpolitische Sprecherin der CDU Landtagsfraktion, Simone Huth-Haage erscheinen um den Bürgern Rede und Antwort zu stehen, muss doch etwas im Argen liegen. Und tatsächlich treibt Eltern und Erzieherinnen wie Erzieher hierzulande die Sorge um, ob die vorgefundenen Strukturen personell, baulich und pädagogisch überhaupt ausreichen um den ohnehin schon darbenden Status Quo zu erhalten.

Zwar sind sich viele Betroffene, allen voran die berufstätigen Mütter und Väter, einig über die gesetzlich fixierte Ausweitung des Betreuungsangebots auf sieben Stunden und ein Mittagessen. Sie ist ein willkommenes Instrument um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen. Gleichwohl regt sich der Unmut seitens der Kitas, die befürchten, ihrem pädagogischen Auftrag künftig nicht mehr vollends gerecht werden zu können. Simone Huth-Haage fasst die Kritik eingangs zusammen. Laut der gebürtigen Wormserin würden Kinder unter zwei Jahren bald nicht mehr im angemessenen Maße berücksichtigt. Sie merkt an, die pädagogischen und legalen Tatsachen drifteten auseinander, da im Gesetzestext die Kinder unter zwei Jahren künftig nicht mehr eigens erfasst seien, obwohl deren Betreuungsbedarf in Sachen Sauberkeit, Essen und Spielen die Bedürfnisse der Kinder ab drei Jahren oft noch übersteigt. Des Weiteren reicht vielerorts die vorgefundene Infrastruktur eben nicht aus, um den erwarteten Andrang zu decken. Die Erfahrung zeigt nämlich, sobald das Angebot einmal vorliegt, machen die Eltern auch Gebrauch davon. Außerdem sei die Trägervielfalt gefährdet, so die Landtagsabgeordnete. Einige Einrichtungen verlieren angeblich die Finanzierung durch das Land. Davon seien etwa in der Stadt Landau circa 40 Stellen betroffen. Die systemrelevanten Träger haben hier eine gute Verhandlungsposition, wohingegen die kleineren Institutionen den Entzug der Mittel fürchten müssen. Insgesamt werde der Beruf schlechter gestellt als vor dem Gesetz, da die Professionalisierung erschwert wird und die Belastungen abermals steigen. Dann sei wiederum auch mit weiteren Ausfällen und häufigen Notgruppen zu rechnen. Der Vergleich mit der Pflege liegt nahe, wird aber nicht ausgesprochen.

Ein Mitarbeiter der Caritas bringt die rund 50 Spiel- und Lernstuben in Rheinland-Pfalz ins Gespräch. Er fühlt sich übersehen. Das Modell geht über die herkömmliche Kinderbetreuung hinaus und nimmt die Familien mit ins Boot. Dafür wird auch bewegungsmotorisch, mehrsprachig und interkulturell gearbeitet. Laut seiner persönlichen Einschätzung droht die Finanzierung für rund ein Drittel der Stellen zu entfallen. „Es ist schwer auszurechnen, was auf uns zukommt“, fasst er die Verunsicherung in Worte. Eine Wormser Erzieherin kämpft bereits täglich mit dem bestehenden Mangelzustand und befürchtet eine Verschlechterung. „Jedes Kind muss betreut werden. Dreijährige sind keine kleinen Erwachsenen. Essen Sie mal mit zehn Kindern! Wenn noch einer aufs Klo muss, einer einschläft und hinterher an sechs Waschbecken Zähne putzen! Wir versuchen es nur noch irgendwie möglich zu machen.“ Der Leiter einer sozialpädagogischen Schule in Heidelberg weiß sich nur mit Zynismus zu helfen. „Mit einem Mal verschwinden bei den Kommunen die unbesetzten Stellen – weil sie wegfallen.“ So richtig traut sich allerdings keiner zu lachen, zumal er dann doch ernst wird. „Wenn der Beruf in Rheinland-Pfalz zu unattraktiv wird, werden die Leute in den Grenzgebieten sich nach Stellen in Baden-Württemberg und Hessen umschauen“, lautet seine Warnung.

Adolf Kessel hört aufmerksam zu und macht sich Notizen. Bereits zuvor haben 30 000 Menschen ihre Unterschriften zusammengetragen um den Entwurf erneut auf die Tagesordnung zu nehmen. Dann möchten die Christdemokraten die Eindrücke aus der Gesprächsrunde ins Plenum tragen und mithilfe der Bürgermeinungen eine Überarbeitung erreichen.

Die Debatte ist auf der Webseite des Landtags rund um die Uhr abrufbereit. Außerdem hat auch die Elterninitiative Osthofen schon eine Stellungnahme zum Gesetzesentwurf abgegeben.

Text: Dennis Maus/ Presseagentur Die Knipser

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