Goethe. Werther. Eisermann.

Foto: Onlinestreet.de

600 Auftritte binnen 20 Jahren, versehen mit unzähligen überschwänglichen Kritiken im Feuilleton und die letzte Vorstellung findet im beschaulichen Westhofen statt. Mit der Spoken Word Performance „Goethe. Werther. Eisermann.“ des vielfach preisgekrönten Wormser Schauspielers André Eisermann kann das „GUT LEBEN am Morstein“ erneut mit einem kulturellen Hochkaräter aufwarten. Die überwiegende Mehrheit der positiven Rezensionen weckt hohe Erwartungen und so geraten der Andrang entsprechend groß und die Gespräche vorab besonders lebhaft. Die Vorstellung eröffnet mit einem künstlichen Spannungsaufbau indem die Lautsprecheranlage die Zuschauer anweist, Platz zu nehmen, die Gespräche einzustellen und die Geräte auszuschalten. So wird vermieden, dass André Eisermann außerhalb der Rolle ein Wort an die Zuschauer richtet. Nun geht alles ganz schnell. Im Handumdrehen betritt er im schwarzen Anzug mit reinweißem Hemd und Schlips die Bühne und beginnt ohne Verzug mit seinem Vortrag.

Während Goethes sinnlicher Landschaftsbeschreibungen klingt der Künstler zwar eingenommen in seiner Faszination für die Wunder der Natur und offenbart bereits erste Leidenschaft, doch wirkt er sehr wohl noch Herr seiner Sinne. Auch als der Werther die Gewöhnlichkeit seiner Mitmenschen klagt und Eisermann dabei aus der arroganten Perspektive des erhabenen Beobachters urteilt, steht er über den Dingen. Im Werk verliert der Protagonist erst mit Auftauchen der begehrenswerten Lotte seine Verbindung zur Vernunft und auch der Darsteller legt nun richtig los. Während er sich in einer Schwärmerei nach der anderen ergießt, betont er die Konsonanten und verlängert die Vokale, er wird zunehmend lauter. Der emotionale Ausbruch amüsiert einige Zuschauer, die jetzt erste Reaktionen zeigen. Der Schauspieler ist nun angestachelt und auch Jakob Vinje am Klavier setzt mit seiner eigens für die Inszenierung komponierten, intensiven Begleitung ein. Als Eisermann seine Stimme einmal über die Maßen strapaziert, nutzt er die winzige Leerstelle zwischen zwei Wortfetzen der Gefühlswallung und trinkt gar als Werther aus seinem Wasserglas. Zur Pause verschwindet der hagere Blondschopf ohne weitere Kommentierung von der Bühne.

Für den zweiten Abschnitt taucht er pünktlich zur Dämmerung an Werthers Gefühlshorizont im schwarzen Hemd wieder auf. Als er erneut zu lesen beginnt, schaut er dieses Mal nicht in die Lektüre, sondern in die Reihen und stellt den Zuschauern so eine Falle. Sie fühlen sich von Eisermann direkt angesprochen, dabei fährt der Werther bereits fort. In Goethes Briefroman ist die Bereitschaft des Titelhelden zur Leidenschaft stets größer als der Impuls. Eine andere als die verbotene Liebe hätte Werther nie genügt. Diese emotionale Übersteuerung macht André Eisermann greifbar, wenn sich seine Hysterie so sehr steigert, dass auch für ihn die Liebe ohne Leiden kaum mehr möglich scheint. Einzig die Anatomie setzt seiner Leidenschaft Grenzen. Könnte er noch lauter oder bestimmter sprechen, so würde er. Vielleicht verliert er in kurzen, allzu verzierten Abschnitten ein wenig die Balance. Dann blitzt der begabte Schauspieler auf, der mit all seinem Können um die Gunst der Zuschauer buhlt, ihre Reaktionen aufnimmt und daran seine Leistung noch befeuert. Diese Intention hatte der Werther nicht. Am Ende der Negativspirale aus Genuss und Schmerz erschießt er sich einsam in der Stube selbst. Womöglich ist es nur gesund, eine gewisse Distanz zur Figur zu wahren und ja sich selbst nicht zu vergessen. Im sphärischen Gewölbe gerät der letzte Schuss zum stummen Lichtblitz und beendet jäh die intime Stimmung.

Als sich der begeisterte Applaus über ihn ergießt, entspannt der verschwitzte Eisermann sichtlich. Nicht etwa weil damit nicht zu rechnen war, vielmehr weil er nun wieder er selbst sein darf. Noch völlig außer Atem dankt er den Gästen. Für unzählige Schüler ist er der fleischgewordene Titelheld aus Goethes Lektüre. Dank einer geschickten Inszenierung mit vielen kleinen Kniffen kommen auch alle anderen Zuschauer auf ihre Kosten. Selbst wenn das wohl endgültig sein letzter Auftritt als Werther sein wird, bleibt André Eisermann doch für immer untrennbar mit dem Werk verbunden.

Text: Dennis Maus/ Presseagentur Die Knipser

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