„Ich sehe Rheinhessen als Ganzes und so müssen wir es auch vermarkten“

Foto: Jannik Reinecke/ Die Knipser

„Ich sehe Rheinhessen als Ganzes und so müssen wir es auch vermarkten“

„Sie sind nicht gebürtig aus dem Landkreis Alzey-Worms. Wann waren Sie denn zum ersten Mal im Landkreis? Können Sie sich noch erinnern?“

„Das erste Mal, als ich hier war, bin ich wahrscheinlich über die A63 gefahren. Das erste Mal, als ich bewusst im Landkreis war, das war 1998. Nach meinem Studium habe ich im Juli 1998 im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau angefangen. Da war ich dann zum ersten Mal in der Verbandsgemeinde Wörrstadt in Saulheim. Dort hat ein Freund gewohnt, den ich noch von der Jungen Union kannte. Parallel habe ich dann im Herbst 1998 eine Zweitwohnung in Saulheim gesucht.“

„Wie ist das zustande gekommen?“

„Davor habe ich noch in Ramstein gelebt. In den ersten Monaten bin ich noch unter der Woche täglich nach Mainz in das Ministerium gependelt, weshalb ich mir dann eine Zweitwohnung gesucht habe. Das war auf Dauer natürlich auch nichts und mir hat es hier in Rheinhessen gefallen.“

„So verschlägt es viele Leute nach Rheinhessen. Die Menschen finden einen guten Job in einer Metropole und werden im Umland sesshaft. Was hat dazu geführt, dass Sie auch Wurzeln geschlagen haben?“

„Ich war politisch schon aktiv in meiner alten Heimat und beispielsweise Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Ramstein. Das mit der Zweitwohnung habe ich noch ein Jahr so weitergeführt bis ich gemerkt habe, ich bin in Ramstein nicht mehr ganz zuhause und in Rheinhessen auch noch nicht richtig. Dann bin ich 1999 endgültig hergezogen und bin schnell Kreisvorsitzender der Jungen Union Alzey-Worms geworden, als ich noch ganz neu hier war. Mein Stellvertreter war übrigens Jan Metzler. Seitdem bin ich hier politisch aktiv.“

„Es gab also bereits Bekanntschaften aus der Partei, die dann noch ausgebaut wurden.“

„Genau. So habe ich den Landkreis gut kennen gelernt. Ich war viel unterwegs und habe Verantwortung übernommen. Seit 2007 bin ich auch stellvertretender Kreisvorsitzender der CDU. Damals noch von Walter Wagner und inzwischen als Stellvertreter von Jan Metzler. Wir beide haben also die Rollen getauscht. Seit 2004 bin ich Mitglied des Kreistags Alzey-Worms und seit 2014 der CDU-Fraktionsvorsitzende. Die Gremien kenne ich also ganz gut.“

„Hat auch die Liebe eine Rolle gespielt?“

„Ja, klar. Ich bin ‘99 hergezogen und 2000 habe ich meine Frau kennen gelernt. Die ist sogar gebürtige Rheinhessin. Wir haben uns kennengelernt auf dem Verbandsgemeindeweinfest in Udenheim. Sie hat in Armsheim gewohnt. 2004 haben wir geheiratet und leben seither gemeinsam in Armsheim. 2003 wurde ich auch zum Bürgermeister der Verbandsgemeinde Wörrstadt gewählt. Das lief sozusagen alles gleichzeitig ab.“

„Sie wurden als jüngster Verbandsgemeindebürgermeister in Rheinland-Pfalz ins Amt gewählt. Ist das ein Vorteil?“

„Ein bisschen von Beidem. Auf der einen Seite geht man an Vieles ganz unbedarft ran und probiert mal etwas aus. Wenn man älter wird, macht man Einiges nicht mehr. Es hat also durchaus Vorteile. Was natürlich fehlt, wenn man schon früh anfängt, ist die Erfahrung. Die lernt man aber im Laufe der Jahre.“

„Was hat Ihnen denn so gut gefallen an Rheinhessen?“

„Ich bin in Villingen-Schwenningen geboren und habe später in der Westpfalz gelebt. Dort unten gibt es sehr viel Wald. Was mir hier sofort aufgefallen ist, wenn man auf einem Hügel steht, ist diese endlose Weite der geschwungenen, rheinhessischen Hügellandschaft mit den vielen Reben und Weinbergen. Ich bin im Sommer angekommen, als alles grün war. Nirgends waren Bäume im Weg. Das ist mir direkt in Erinnerung geblieben und ich habe es lieb gewonnen. Wunderschön! Natürlich lernt man auch den Wein schnell zu schätzen. Ende der ‘90er Jahre ist der Weinbau hier aufgeblüht durch die aufstrebenden, jungen Winzer, die viele Preise gewonnen haben.“

„Kennen Sie das tägliche Geschehen hier aus der Region? Welche Themen schießen Ihnen direkt in den Sinn?“

„In Worms natürlich die Oberbürgermeisterwahl. Für die ganze Region ist die Fusion zwischen EWR und e-rp relevant. Von den Kollegen weiß ich, dass in Osthofen eine neue Schule gebaut werden soll. Hier soll auch neues Gewerbe angesiedelt werden.“

„Aktuell werden die Flächennutzungspläne für die Verbandsgemeinde Wonnegau verabschiedet. Daraus war allerdings nicht ersichtlich, dass auch die Wormser planen, bis an die Osthofener Stadtgrenze anzubauen, sodass es zu einer unschönen Verdichtung an Industrie kommen könnte.“

„Ja, diese Diskussion hatten wir in ähnlicher Form auch bei uns. In meiner Amtszeit konnten wir juwi für uns gewinnen gegen große Konkurrenz aus anderen Städten. Aktuell sind wir an der französischen Firma Florette dran, welche beispielsweise fertig vorbereitete und verpackte Salate für Supermärkte produziert. Die Produktionsstätte für Deutschland soll bei uns in der Verbandsgemeinde Wörrstadt entstehen. Wir haben gerade ein Gewerbegebiet in Schornsheim mit der Gemeinde zusammen fertiggestellt. In Wörrstadt soll an der A63 der einzige Autohof zwischen dem Frankfurter Flughafen und Kaiserslautern entstehen. In unserer Verbandsgemeinde haben wir auch ganz klar entschieden – keine weiteren Logistikzentren.“

„Wo lägen nach einer Wahl zum Landrat künftig ihre Berührungspunkte, etwa zur „Neuen Mitte“ in Osthofen?“

„Wenn es um Stadterneuerung geht, dann ist die Kreisverwaltung immer involviert. Es müssen die Anträge über die Kreisverwaltung an das Land gereicht werden. Wenn die Bebauungspläne aufgestellt werden müssen, bin ich automatisch als Landkreis beteiligt. Der Landrat hat ein natürliches Interesse, dass die Gemeinden sich weiterentwickeln, weil nur so der Landkreis vorankommt.“

„Wo soll es im Landkreis Ihrer Meinung nach hingehen?“

„Ein Schwerpunktthema ist ganz klar der Tourismus. Wir müssen das touristische Geschäft professionell betreiben. Wir sind da im knallharten Wettbewerb mit anderen Regionen, mindestens in Deutschland. Auch deutsche Urlauber überlegen, ob sie hier bleiben oder im Ausland Urlaub machen. Das ist eine Wirtschaftsbranche, in der wir professionell agieren müssen und auch das entsprechende Personal brauchen. In Alzey haben wir eine professionelle Tourismusinformation. In der Verbandsgemeinde Wörrstadt ebenfalls. Wir haben eine Tourismus GmbH vor einigen Jahren gegründet und den Tourismus aus der Verwaltung ausgegliedert. Wir müssen das gesamte Thema aber vor allem auf Kreisebene weiterentwickeln.“

„Auf Ihrer Webseite schreiben Sie, wir sind als Region Rheinhessen ein Teil der Metropolregion FFM und müssen dies entsprechend vermarkten. Ist das nicht eine Nummer zu hoch gegriffen?“

„Ich sehe Rheinhessen als Ganzes und so müssen wir es auch vermarkten. Die Menschen müssen herkommen. Wenn sie erst einmal da sind, können wir schauen, dass die unterschiedlichen Gemeinden gute touristische Angebote erstellen und Schwerpunkte bilden. Dann kann man auch in der Region einen gewissen Wettbewerb haben. Das fördert auch die Kreativität und schafft Fortschritt. Wir stehen als Rheinhessen im Wettbewerb mit dem Schwarzwald, mit dem Allgäu oder mit der Nordsee und nicht mit den umliegenden Verbandsgemeinden. Die Experten sind sich da einig, dass wir eine professionelle Ebene unter der Rheinhessen-Touristik brauchen mit sechs, sieben professionellen Tourismus-Service-Centern (TSC), die permanenter Ansprechpartner sind. Das wären hier etwa, Bingen-Ingelheim, Mainz, Rhein-Selz, Worms, Alzey, Wörrstadt-Nieder-Olm. Auch der Wonnegau gehört natürlich dazu. Die Weiterentwicklung hin zu einer solchen Struktur sehe ich als eine Aufgabe des Landrates.“

„Im Zusammenhang mit dem Tourismus gibt es oft den Konflikt zwischen Denkmalschutz und Barrierefreiheit. Der Landrat ist für Beides zuständig. Wie wollen Sie den Spagat meistern?“

„Die Barrierefreiheit gilt zum Beispiel auch für junge Familien. Ich habe selbst drei Söhne. Daher kenne ich das. Wir müssen beim Denkmalschutz jeden Einzelfall betrachten. Da wird es Abstriche geben beim Denkmalschutz und auch mal bei der Barrierefreiheit. Das darf man nur nicht gegeneinander ausspielen. Wir müssen das unter einen Hut bekommen.“

„Was fehlt uns denn noch in Rheinhessen?“

„Insgesamt müssen wir die Verkehrsinfrastruktur der Region auf allen Ebenen weiterentwickeln. Dazu gehören auch die Schienen, der ÖPNV und für mich muss da auch über eine weitere Rheinbrücke zwischen Mainz und Worms gesprochen werden. Das müssen wir bundesländerübergreifend ansprechen.“

„Das hört sich ziemlich konkret an. Wo möchten Sie weitere Schwerpunkte setzen?“

„Generationen! Wir müssen für die Älteren und für jüngere Menschen da sein und der gesellschaftlichen Veränderung Rechnung tragen. Gerade zum Beispiel bei der Vernetzung der Generationen. Wir sind eine Zuzugsregion und nicht jeder hat den Opa oder die Oma vor Ort. Da brauchen wir generationenübergreifende Unterstützungsleistungen. Andere Themen sind Energie und Klimaschutz. Wir haben alle Straßenlaternen in der VG Wörrstadt auf LED umgestellt. Wir haben in allen Ortsgemeinden E-Ladesäulen. Bei uns wurde die Idee eines Bürgerbusses umgesetzt, die nun auch vom Wonnegau übernommen wurde. Wir haben Senioren als Seniorensicherheits- und Digitalisierungsberater ausgebildet. Da passiert in meinen Augen auf Kreisebene fast nichts.“

„Ich möchte Sie bitten, den Lesern das angestrebte Amt abschließend noch einmal zu erklären. Was macht den Landrat aus und was sind seine Aufgaben?“

„Der Landrat ist der Repräsentant eines Landkreises, er ist der Leiter der Kreisverwaltung. Er muss dafür Sorge tragen, dass die Verwaltung gute Arbeit leistet und die Dienstleistungen erbracht werden. Er ist Vorsitzender des Kreistages, also des regionalen Parlaments. Die wichtigste Aufgabe des Landrates ist es, die Region voranzubringen, zu gestalten, zu entwickeln und Impulse zu geben.“

Text: Dennis Maus/ Presseagentur Die Knipser