Rheinhessen 1848 – Der wilde Südwesten „Was Deutschland im Großen, das ist Osthofen im Kleinen“

Foto: Mirco Metzler/ Die Knipser

Es ist eine Zeit des Wandels zur Mitte des 19. Jahrhunderts im Deutschen Bund. Dieser frühevolutionäre Staatenbund wird während des Wiener Kongresses von den Siegermächten der Napoleonischen Kriege auf dem Reißbrett entworfen und vereint die deutschen Fürstentümer. Es sind die Adligen, insbesondere der österreichische Fürst von Metternich, die eine rückwärtsgewandte Restaurationspolitik durchzusetzen versuchen, um die europäischen Verhältnisse vor der Französischen Revolution wiederherzustellen und ihre herrschaftlichen Privilegien zurückzuerlangen. Durch die Verbreitung von Napoleons Code Civil ist die Bevölkerung gerade erst mit neuen Bürgerrechten ausgestattet worden, nun sollen diese schon wieder abgegeben werden. Die eben erst gewonnene offene Berufswahl, die Freiheit und die Gleichheit vor dem Gesetz stehen auf dem Spiel. Im Zuge weiterer einschneidender Veränderungen im täglichen Leben wie der umgreifenden Industrialisierung oder der grassierenden Hungersnot nach dem Misserntejahr 1846, gerät die vorherrschende Ordnung ins Wanken.

Auch in der „Völkermühle“ Rheinhessen, wie Carl Zuckmayer später treffend formulieren sollte, brodelt es gewaltig. Davon zeugen die unzähligen Tagebucheinträge Johann Weißheimers II., des großen Chronisten von Osthofen. Ihm waren gleich sieben Generationen seiner Familie bekannt, die ihn sinngemäß „alter Mann“ nannten. Er verzeichnete etwa nahezu alle Gebäude des historischen Ortskerns inklusive Angaben zur Herkunft und zur Eigentümerschaft. Weißheimer war selbst ein Gutsbesitzer mit erhabener Stellung im Ort, nicht zuletzt dank seiner wohlhabenden und einflussreichen Familie.

Anfangs nur skeptischer Beobachter der Freiheitsbewegung, schärft er sein Rechtsbewusstsein an einem Vorfall, wie er sich seinerzeit im benachbarten Westhofen zugetragen hat. Zur Erinnerung an die Vielvölkerschlacht in Leipzig sind 18 junge Burschen mit wehenden Fahnen losgezogen, um dem identitätsstiftenden Gefecht zu gedenken. Dabei singen sie wohl allzu inbrünstig nationalistische Lieder um den Mythos einer deutschen Nation, der infolge des Sieges über Napoleon hierzulande entstanden ist. Unmittelbar zuvor waren bereits einige Westhofener gemeinsam mit 20 000 anderen Bürgern auf dem Hambacher Fest zusammengekommen, um die wirkenden Kräfte in der Nationenbildung zu bündeln, selbstverständlich zum Missfallen der Fürsten. Sie fürchten den Mythos von der einigen Nation und die Jugend, die ihn landesweit befeuert. So besteht eingangs der Verhandlung vor dem Osthofener Polizeigericht keine große Hoffnung für die Aufrührer. Erst eine Interventionsrede des umsichtigen Johann Weißheimer bringt die Rettung. Er merkt an, es könne nicht die Absicht der Regierung gewesen sein, Gedenkfeiern an eine siegreiche Schlacht zu unterbinden, bei der so viel deutsches Blut geflossen war und es ließe sich ohnehin nicht nachvollziehen, wer wann welche Lieder gesungen habe.

Bereits 1831 folgt Johann Weißheimer II. als Bürgermeister seinem Schwiegervater Wendelin Best im Amt nach. Nach Weißheimers Ansicht weiß die Familie Best die instabilen Verhältnisse auszunutzen und ist sich nicht zu schade, ihre exponierte Stellung im Ort zum eigenen Vorteil zu missbrauchen. So zieht ein jeder, der einem Familienmitglied nicht die gewünschte Ehrerbietung entgegenbringt, unweigerlich den Zorn des gesamten Clans auf sich. Der feingeistige Weißheimer kann mit den noch sehr rohen Umgangsformen seiner Zeitgenossen nichts anfangen. Stattdessen wandert er im Mondschein durch seine stattlichen Weinberge und sinniert, wie er in einer ereignisreichen Zeit das örtliche Gemeinwesen aufrechterhalten kann. Während seiner Amtszeit etabliert er neue Bach-, Wingerts- und Polizeiordnungen. Als Arbeitslosigkeit und Armut drohen, zur Gefahr für den sozialen Frieden in Osthofen zu werden, legt er gar einen freiwillig finanzierten Fonds an, um die ausufernden Fruchtpreise zu drücken und die Grundversorgung zu gewährleisten. In dieser wirtschaftlich prekären Zeit, in der viele Bürger nur von der Hand in den Mund leben und nicht wissen, wie der nächste Tag zu Ende geht, ist es der weitsichtige Weißheimer, der ihnen Orientierung gibt.

Als er durch subversives Wirken und ehrverletzende Kampagnen 1842 aus dem Amt gedrängt wird, hinterbleibt er schockiert ob der überwiegend unredlichen Mittel, derer sich seine Widersacher bedient haben. Ein gewisser Wagner, der Weißheimer trotz aller Repressalien der Konkurrenz seine Loyalität versichert hat, wird mit dem Messer an der Brust aufgefordert, seinen Starrsinn aufzugeben, „sonst werde das Messer sein Schicksal sein“, notiert der vielseitig interessierte Beobachter seiner Zeit spürbar erschüttert. Ernüchtert beteuert Weißheimer anschließend, nie wieder ein öffentliches Amt zu bekleiden. Sich ganz der Politik zu verwehren, gelingt ihm indes nicht. Im Jahre 1848 erfährt Weißheimer aus der damals noch zensurgebundenen Presse von der Proklamation des hessischen Großfürsten. Der Aristokrat kann den Willen des Volkes nicht länger übergehen und gibt den Forderungen der Freiheitsbewegung statt. Die Proklamation verspricht Pressefreiheit und gesteht dem Volk die neuerliche Bewaffnung zu, um seine Rechte zu verteidigen. Zwar fixiert der Großherzog schriftlich die Absicht, ein Nationalparlament zu errichten, lässt jedoch gleichzeitig die Heere auf die Verfassung vereidigen um einer drohenden Revolution zuvorzukommen.

Johann Weißheimer II. erkennt die Zeichen der Zeit. Er fasst wieder neuen Mut und entgegen vormaliger Bekundungen, so aufrichtig sie auch gewesen seien, wird er erneut politisch aktiv. Noch am selben Tag nutzt unter er als einziger der vermögenden Gutsbesitzer die Gelegenheit auf einer Volksversammlung außerhalb der Fleckenmauer, die die Ortsgrenzen markiert und verliest die großherzogliche Erklärung Punkt für Punkt. Er müht sich, die Revolution für die Bevölkerung zugänglich zu machen und ihnen ihre neuen Rechte darzulegen. „Ihr habt eine glückliche Zukunft vor euch, nur müsst ihr einig sein“, schwört er die Menge ein. Gleichwohl bleibt auch die Politisierung der Osthofener Bürger nicht ohne Folgen. Im „Schwanen“, einer örtlichen Gutsschenke, die als Stätte der politischen Willensbildung funktioniert, kommt es nur einen Tag vor der Berufung der Wahlmänner für das entstehende Parlament zum Tumult zwischen den verschiedenen Interessengruppen. Im Spannungsfeld gegensätzlicher Auffassungen, ob die deutsche Nation nun eine konstitutionelle Monarchie oder eine Republik sein solle, vergessen die Diskussionsteilnehmer ihre ohnehin noch sehr spärlichen Manieren und prügeln sich vom Ausgangspunkt außerhalb des „Schwanen“ wild entlang der Osthofener Gassen. Wohl erst mit der einsetzenden Erschöpfung zerstreuen sich die Massen.

„Die Radikalen, die Indifferenten, die Gemäßigten, die Bürokraten, die Stabilen, die Rechtgläubigen“, fasst Weißheimer in seinem Tagebuch das breite politische Spektrum zusammen und erkennt darin ein substantielles Problem der Freiheitsstrebenden. Die Meinungsvielfalt ist längst zur Zersplitterung der Parteien verkommen. „Was Deutschland im Großen, das ist Osthofen im Kleinen“, pflegt Johann Weißheimer II. stets zu sagen. Gerade als gegen Ende des Jahres die Grundsatzfragen über eine großdeutsche oder kleindeutsche Lösung im Parlament verhandelt werden sollen, verliert die Bewegung ihre Einigkeit und damit verbunden, die Revolution an Fahrt. Als der preußische König Friedrich Wilhelm IV. dann in der Frankfurter Paulskirche von den Vertretern des Volkes zum Kaiser einer einigen Nation erkoren werden soll, lehnt er die Krone ab. In rückwärtsgewandter Störrigkeit bezeichnet er sie als „imaginären Reif aus Dreck und Letten“, den er aus den niederträchtigen Händen des einfachen Volkes nicht entgegennehmen möchte. Letztlich scheitert die Deutsche Revolution auch an seiner deplatzierten Eitelkeit.

Im Rahmen der öffentlichen Vortragsreihe „Damit mer´s net vergessen“ des Heimatvereins Westhofen reflektierten Thomas Goller und Julius Grünewald die Ereignisse in Rheinhessen im Schatten der Deutschen Revolution von 1848 am Beispiel der Orte Osthofen und Westhofen.

Text: Dennis Maus/ Presseagentur Die Knipser
Quelle: Thomas Goller, Gerold Bönnen (Hrsg.): Was Deutschland im Großen, das ist Osthofen im Kleinen. Die Tagebücher von Johann Weißheimer II., Darmstadt/ Marburg 2016.

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