Sozialdemokrat Cihan Ölmez sorgt für Novum im Osthofener Stadtrat „Wir brauchen Harmonie und gute Nachbarschaft“

Cihan Ölmez ist das erste türkische Stadtrat-Mitglied in Osthofen. Foto: Jannik Reinecke/ Die Knipser

Anlässlich seiner Ernennung zum Stadtrat der Stadt Osthofen treffen wir Cihan Ölmez von der SPD an seiner zukünftigen Wirkungsstätte, dem Ratssaal im historischen Rathaus am Marktplatz. Damit sorgt er für ein Novum in diesem Gremium, beschreitet er doch als erster Stadtrat mit Migrationshintergrund einen ganz neuen Weg. Er steht uns Rede und Antwort zu seinen Beweggründen für ein Engagement im Stadtrat und reflektiert die aktuelle Stimmungslage der Bevölkerung. Außerdem bezieht er Stellung zu den jüngsten Ereignissen in Chemnitz.

Zunächst stellt sich natürlich die Frage, wieso es bisher noch keinen Stadtrat mit ebendieser Biografie in Osthofen gab?

Cihan Ölmez’ Antwort liefert einen persönlichen Einblick in seine Familiengeschichte. Bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts kam sein Vater als Gastarbeiter in die Bundesrepublik und hat Zeit seines Lebens hart gearbeitet. Zunächst war natürlich das Erlernen der Sprache maßgeblich. Später wurde Cihan Ölmez geboren, der nun kraft seiner Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft innehat. Das sei nun mal ein notwendiger Prozess, der die Zeit einer ganzen Generation braucht und der durchlaufen werden muss, um das passive Wahlrecht wahrzunehmen und für ein öffentliches Amt zu kandidieren.

Bereits im Jahr 2006 wählte der heutige Bundestagspräsident der CDU Wolfgang Schäuble die Worte: „Der Islam gehört zu Deutschland“. Später prägte der Satz die unrühmliche Amtszeit des geschassten Bundespräsidenten Christian Wulff, ebenfalls CDU. Im bayrischen Wahlkampf um den Landtag lieferte der neue Bundeminister des Innern Horst Seehofer von der Schwesterpartei CSU jüngst neuen Zündstoff indem er die Aussage ausdrücklich verneinte. Wie steht der neue Stadtrat zu dem vieldiskutierten Satz?

Cihan Ölmez nimmt sich einen Moment Zeit für die Frage und antwortet dann entschlossen: „Deutschland ist ein christlich geprägtes Land. Es sind jedoch alle Religionen in Deutschland vertreten. Die Religionsvielfalt und -freiheit gehören zu Deutschland.“ Die Omnipräsenz dieser Fragestellung in der deutschen Medienlandschaft empfindet der neue Stadtrat durchaus als unangemessen und zieht den Vergleich zur Flüchtlingsthematik. Er bemängelt, durch die einseitige Dauerberichterstattung rückten andere, ebenfalls gewichtige Themen in den Hintergrund. In gewisser Weise finde auch eine Verfremdung der Tatsachen statt. Die Endlosschleife aus Tragödie an Tragödie schaffe ein Angstgefühl in der Bevölkerung, sodass die Menschen sich zurückziehen. „Wir gehen nicht mehr offen aufeinander zu und wenn wir nicht mehr miteinander reden, dann haben wir wirklich ein Problem“, befindet der Sozialdemokrat und hat ein bildhaftes Beispiel aus dem eigenen Leben. Eine Nachbarin von Cihan Ölmez beäugte ihn stets etwas skeptisch und pflegte ihn auf der Straße nicht zu grüßen. Das ließ ihm keine Ruhe und so wagte er sich eines Silvesterabends an die Haustür der älteren Dame, wünschte ihr ein frohes neues Jahr und überreichte ihr ein Geschenk. Zu seiner Verwunderung brach die Nachbarin sogleich in Tränen aus: „Ich dachte, sie ruft jetzt um Hilfe“, bis die alte Frau erzählte, sie habe selbst drei Söhne, von denen am letzten Tag des Jahres keiner erschienen sei. Seitdem grüßt man sich herzlich.

Nach einem Todesfall infolge eines Gewaltverbrechens auf dem Chemnitzer Stadtfest berichten einzelne Medien von einer anschließenden Hetzjagd. Wie beurteilt der Stadtrat die Ereignisse?

Zunächst müsse die Aufarbeitung der Ereignisse im Vordergrund stehen und die Umstände geklärt werden. Nach der Veröffentlichung des Haftbefehls zur Straftat sollten die Behörden außerdem dringend ihre Arbeit überprüfen. Endlich solle man zudem auch die Sicherheitskräfte stärken. Hier sei schnelles Handeln gefragt, damit die Menschen sehen, es passiert etwas. „Das geht raus an die Politiker aller Parteien!“, unterstreicht Cihan Ölmez an dieser Stelle. „Wir müssen die Sorgen der Menschen endlich wieder ernst nehmen.“ Er bezeichnet den unkontrollierten Einlass von Flüchtlingen als klaren Fehler und hat auch Verständnis für viele Sorgen in der Gesellschaft. „Auch die Muslime in Deutschland haben Angst vor Terrorismus“, macht der Osthofener deutlich.

Was bewegt ihn, diesen neuen Weg zu beschreiten? Schließlich begibt er sich auf unbekanntes Terrain. Wo liegen die Ziele seiner Kandidatur?

Als Beauftragter der „Gelben Moschee“ in Worms widmet sich Cihan Ölmez bereits seit vielen Jahren dem Thema Bildung und der interkulturellen Verständigung. Er besuchte mit den Jugendlichen der Moschee regelmäßig Stätten der deutschen Kultur, um ihnen die Lebensart vor Ort nahe zu bringen. Umgekehrt war erst vor Kurzem eine Gruppe von zwölf angehenden Lehrern unter der Führung des SPD Fraktionsvorsitzenden im Wormser Stadtrat und Ortsvorstehers in Hochheim Timo Horst zu Gast. Cihan Ölmez möchte mit diesen Begegnungen Annäherung schaffen und Brücken bauen. „Wir sind eine Menschheitsfamilie, die alle in der gleichen Welt leben. Wir brauchen Harmonie und gute Nachbarschaft. Dafür ist die deutsche Sprache wichtig. Man kann nicht zum Arzt gehen und kein Wort Deutsch sprechen. Alle müssen die deutschen Gesetze akzeptieren und respektieren. Deutsche und Ausländer halten beide an der roten Ampel“, so der Osthofener SPD Politiker. Er wünsche sich außerdem, dass weniger Fläche versiegelt wird. Viel lieber sehe er es, wenn Kinder in der Natur spielen. „Osthofen ist eine schöne Stadt und in vielen Dingen vorbildlich. Darauf können wir stolz sein. Wir müssen versuchen, die Osthofener Kultur zu erhalte“, so der künftige Stadtrat. Er könne sich jeden Tag den Arbeitsweg von etwa zwei Stunden Autofahrt einsparen, würde er nach Raunheim oder Rüsselsheim ziehen, doch kehrt er viel lieber jeden Tag in seine Osthofener Heimat zurück.

Text: Dennis Maus/ Presseagentur Die Knipser

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