Tag der Amateure in Guntersblum „Ehrlich, direkt, ungeschminkt“

Foto: Mirco Metzler/ Die Knipser

Der Herbst hält allmählich Einzug in das Sportgelände der Guntersblumer und die ersten grünrotgelben Blätter wirbeln im Wind wild umher. Die überschaubare Bewegungsleistung des Laubhaufens genügt dabei schon um den phlegmatischen Auftritt der deutschen Nationalmannschaft bei der empfindlichen Pleite gegen die niederländischen Erzfeinde in den Schatten zu stellen. Man hätte sich beileibe keinen besseren Tag aussuchen können für den Non-League-Day 2018. Bereits seit 2010 veranstalten die unterklassigen Vereine der englischen Fußballheimat während der Länderspielpause den Feiertag ganz im Zeichen des Amateurfußballs. Das deutsche Magazin für Fußballkultur „11Freunde“ entführt die Idee nach Deutschland und hat mit dem 1. Vorsitzenden des SV 1921 Guntersblum, Christoph Rodrian, einen echten Fußballromantiker auf seiner Seite.

„Junges Blut muss da ran! Die meinen alle, sie wären der Papst nur weil sie Weltmeister geworden sind!“, schimpft einer der Zuschauer wütend, verschüttet wild gestikulierend einen Schluck Schorle und wird alsbald vom 1:0 für den SV Guntersblum in der 21. Minute unterbrochen. Torschütze ist der junge Mahmoud Bassile. Die ausgelassene Tirade bedarf auch keiner Fortführung oder Wiederholung mehr. Bundesweit erhitzt der allgemeine Zustand des Fußballs, insbesondere der Nationalauswahl und des Profiligabetriebs die Gemüter. Der Ärger entlädt sich inzwischen regelmäßig, sei es Helene Fischers vielgescholtener Halbzeitauftritt während der Halbzeitpause des DFB-Pokalfinals oder das mühsam herbeigeführte Markenkonstrukt „Die Mannschaft“, für das an der Basis jegliche Identifikation fehlt. Auf dem Rasen markiert Christoph Pinke kurz vor Ablauf der ersten Halbzeit unterdessen das 2:0 in beeindruckender Manier. Nach einem unterbundenen Konter startet Pinke beinahe zwanzig Meter vor der Mittellinie und ist nicht mehr zu stoppen. Aus ganz spitzem Winkel findet der Ball den Weg ins Tor.

Mit dem Pausenpfiff stürmen die Kinder der Akteure den Rasen und ahmen ihren elterlichen Vorbildern nach. Der Platz ist weitläufig und bietet auch während des Matches genügend bespielbare Fläche. Wenn die Kugel einmal verloren geht, muss sie selbstständig wieder beschafft werden über Stock und Stein und durch die stachligen Sträucher und Tannen, die eine zarte Grenze zum nächstgelegen rebenbesetzten Hang zieht. Das ist die ehrliche und bodenständige Idylle, die der Fußball einst war und die er immer weiter hinter sich lässt. Knapp eine Stunde Spielzeit ist vergangen, als die Kellerwegkicker sich erneut über die Außenseite durchsetzen. Florian Scheufele hebt den Ball über den eingrätschenden Verteidiger und gibt die Kugel nach innen, wo Roman Althen sicher einschiebt – 3:0. Die einseitige Partie bietet kaum mehr Entlastung für die krisengebeutelten und dennoch wackeren Dittelsheim-Hesslocher Mannen. So lässt das 4:0 nicht mehr lange auf sich warten. Dennis Schwiebingers umsichtiger Pass aus dem Mittelfeld findet im vollen Lauf erneut Scheufele, der routiniert vollstreckt.

Nebenbei entbrennt der immerwährende Konflikt einer jeden Sportanlage. Die Mannschaften möchten sich messen, die Zuschauer etwas sehen und die Kinder wollen spielen. „Ab hinter´s Tor mit euch“, faucht es aus der Besuchermenge während Florian Scheufele eine Viertelstunde vor dem Ende seinen Doppelpak schnürt. Ob des erdrückenden Ergebnis nachlässig verteidigt, schlägt der Ball wuchtig ins linke, obere Ecke ein. Der SC Dittelsheim-Hessloch vermag auch die letzten beiden Treffer durch Dennis Schwibinger fünf Minuten später und Rouven Schiedhelm pünktlich zum Abpfiff nicht mehr verhindern und darf trotz des einseitigen Endstands stolz auf sich sein.

Die Siegermannschaft zollt ihren Respekt für die große Menge Sportsgeist, die der Gegner Woche um Woche der sportlichen Talfahrt entgegensetzt. Angesichts dieser Courage möchte man Mats Hummels an den Schultern packen und so lange schütteln bis er wieder zur Vernunft kommt für sein Post Match Interview zum Holland Spiel. „Ich glaube, Mario Basler hat mal in einem Interview das Gehalt, das wir bekommen als Schmerzensgeld bezeichnet. Ich glaube, sehr gut nachvollziehen zu können, was er damit gemeint hat.“ Damit ist er wohl alleine auf weiter Flur. Die Heimat und Keimzelle des Fußballs in Deutschland ist und bleibt der Amateurbereich. Hier werden keine astronomischen Summen gezahlt und die Schmerzen sind echt, keine Neymarschen Fantasieverletzungen. Der geschundenen Körper wird von der verständnislosen wie rabiaten Ehefrau versorgt und kann nicht etwa auf die Expertise und zarten Hände eines Müller-Wohlfahrt Wunderheilers zurückgreifen.

Christoph Rodrian ist ein Fußballenthusiast der alten Schule. „Ehrlich, direkt, ungeschminkt“, wünscht er sich seinen Sport und lässt Taten folgen. Blindenfußball, der Fußballkindergarten oder der Tag der Amateure sind nur einige Projekte im Verein, die Bodenständigkeit und soziales Engagement vermitteln sollen. „Der Weg ist die Jugend!“, ist sich der Funktionär sicher. „Nachhaltige Jugendarbeit schützt die Vereine vor Auflösungserscheinungen bei ausbleibendem Sponsorengeld“. Nächstes Jahr wird Christoph Rodrian alle Jungendmannschaften besetzt haben und möchte seine Agenda fortführen: „Wir wollen als Verein im Ort und für den Ort mitwirken.“

Text: Dennis Maus/ Presseagentur Die Knipser

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